Seit acht Wochen bin ich an einem Ort. Oder doch nicht? Ein Segelboot ist eben ein Transportmittel und ich pendele 14-tägig auf der SY Scorpio zwischen Martinique und Guadeloupe. Länger als zwei Nächte bin ich kaum an einem Ort. Aktuell allerdings seit drei Nächten in St. Anne, Martinique. Nach- und Vorbereitungen von den vergangenen und für den nächsten Gästetörn. Vielleicht hat mich diese Tatsache zu diesem Thema inspiriert. Das Innehalten.
Seit 160 Tagen bin ich unterwegs und habe 22.400 km zurück gelegt. Die Hälfte davon mit meinem heiß geliebten Fusselgolf, der in der Zwischenzeit am Straßenrand von einem anderen Verkehrsteilnehmer touchiert wurde. Fahrerflucht. Grrr… und ein paar Tränen für meinen treuen Begleiter. Ich hoffe, dieser Jemand hatte einen tollen Abend und hinterlässt beim nächsten Mal seine Kontaktdaten. Ein schlechtes Gewissen ist bestimmt kein schöner Begleiter.
Zurück zum Reisen: Seit Juli war ich in Dänemark, Segeln in der Nordsee, in der Toskana, noch mal Dänemark und schließlich in der Karibik. Unterbrochen nur von kurzen Stopps in Hamburg von maximal einem Monat und zwei Wochenenden in Köln.
Auf der Scorpio bin ich seit Juli am längsten beheimatet, auch wenn sie sich nicht an einem festen Ort befindet. Ich formuliere es anders: Meine Zahnbürste befindet sich seit Juli die längste Zeit am gleichen Waschbecken.
Was hat sich verändert oder was verändert sich? Ich packe schneller ein und auch wieder aus. An einem neuen Ort richte ich mich schneller ein bzw. packe überhaupt alles aus. In meinen Urlauben früher habe ich quasi nie meinen Koffer ausgepackt. Jetzt fühle ich mich heimelig, wenn meine Sieben Sachen den Rucksack verlassen.
Ich werde anpassungsfähiger und wenn etwas meinen Erwartungen nicht entspricht, dass rege ich mich nicht auf, sondern verändere meine Haltung und ich fühle mich trotzdem wohl. Ich bin kreativer, sowohl mit dieser Anpassungsfähigkeit als auch bei der Lösungsfindung bei Problemen. Und ich kann euch sagen, dass ist auf einem Segelboot auf jeden Fall eine gute Eigenschaft, wenn wieder etwas kaputt geht oder ein Ersatzteil, eine Schraube oder ein Werkzeug gerade fehlen. Bootsleben eben. Es gibt wenig, was mich aus der Ruhe bringt. Im Jetzt zu verbleiben und gedanklich nicht zukünftige Katastrophen herauf zu beschwören, birgt den Vorteil von weniger Stress. Der Körper und der Geist sind nicht ständig in Alarmbereitschaft. Noch immer fühle ich mich als würde ich zur Ruhe kommen und mein bisheriges Leben von mir abstreifen.
Die letzten Tage habe ich außerdem festgestellt, dass ich wieder achtsamer und aufmerksamer gegenüber meiner Umgebung werden. Offenbar waren die Eindrücke am Anfang so umfangreich, dass mein Blick fürs Detail etwas verloren gegangen ist – zumindest was die Umgebung angeht. Aufgefallen ist mir das an meinen Fotos. Sie repräsentieren wieder weniger Landschaften, stattdessen mehr einzelne Auszüge meiner Umwelt.
Nach acht Wochen schärft sich der Blick fürs Detail. Somit fühle ich mich darin bestätigt, als ich ursprünglich geplant habe, immer um die drei Monate an einem Ort zu bleiben. Diese Zeit brauche ich anscheinend, um anzukommen und mich zu fokussieren.
Glücklicherweise habe ich hier in der Karibik weitere fünf Monate. Das ist aufgrund der ständig wechselnden Orte und Menschen ein großes Glück für mich. Jeder Tag und jede Woche, jeder Törn sind anders und bietet neue Herausforderungen. Der Unterschied zu meinem bisherigen eintönigen Berufsleben könnte wohl nicht größer sein.
Seit gestern erfreue ich mich an der Nachbarschaft von drei bis vier Schildkröten, die ab und zu auftauchen und ich hoffe noch auf einen gelungenen Schnappschuss von einer Pelikan-Flugformation in den nächsten Buchten.










Hi Fussel-Maus, ich liebe es deine Gedanken zu lesen und es begeistert mich immer wieder, was für tolle Gedanken du dir machst! Du hast nun, laut Kilometer, die Hälfte der Welt umrundet – das ist auch schon sehr besonders! Ich hab dich lieb…
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Uh wow… das klingt beeindruckend… 🤪 fühlt sich gar nicht so weit an.
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Wieder sehr schön geschrieben.
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😘😘😘
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Liebe Lea,
Ich finde es toll, wie du das alles so meisterst. Es klingt nach einer spannenden und zugleich so erfüllen den Zeit!
Ich genieße es, die Fotos zu sehen, die du teilst und freue mich zu lesen, wie du so deinen Weg gehst. Einfach toll!
Lange habe ich überlegt, ob ich wirklich mal dir schreibe…. Einfach so in anbetracht dessen, wie wir damals in der Schule so waren.
Aber ich glaube manchmal, wir waren uns damals schon zu ähnlich…
Aber egal!
Nochmals danke, dass du die ganzen tollen eindrücke mit uns teilst und wir die Sonne im grauen Dresden auch genießen können 😉
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Daniela, ich freue mich so sehr darüber, dass du meine Beiträge liest und schätzt sowie meine Fotos. Die Zeit, die ich gerade erleben darf, ist wirklich besonders und ich bin sehr dankbar dafür. Ich freue mich sehr von dir zu hören und auch wenn du mir schreibst. Bin neugierig, was du machst und erlebst… und andernfalls bleib einfach dran. LG Lea
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