Mut

„Ich finde es so mutig, dass du das machst.“ oder „Alleine könnte ich nicht reisen.“

So oder ähnlich lauten die bewundernden Anmerkungen, wenn ich erzähle, was ich mache und wie es dazu gekommen ist. Ich werde als stark und selbstbewusst gesehen. Die Erwiderungen sind unheimlich positiv und es ist natürlich toll so gesehen zu werden. Die meiste Zeit fühle ich mich allerdings nicht so, auch wenn ich nicht abstreite, dass das von außen vermutlich sehr stark und unabhängig aussieht.

Für mich sieht mein Mut so aus:

Als ich in den Flieger Richtung Karibik gestiegen bin und mich von meinen Eltern und Freund am Flughafen verabschiedet habe, habe ich geheult wie ein kleines Kind und die Tränen versiegten quasi erst vollständig als ich hier ankam. Die Reisezeit betrug etwa neun Stunden und immer wieder liefen mir einfach Tränen über die Wangen und dagegen konnte ich nicht wirklich viel tun. Da hat ein Mundschutz doch Vorteile.

In meinem ersten Urlaub alleine in Island kamen ebenfalls die Tränen innerhalb der ersten 24 Stunden, da ich es furchtbar anstrengend fand alles alleine zu entscheiden.

Vor meinem ersten Tauchgang nach zwei Jahren und das erste Mal alleine hatte ich Angst alles vergessen zu haben und war so unsicher. Ich hätte den Tauchgang sogar fast abgesagt oder zumindest verschoben. Aber wäre es beim Verschieben geblieben?

Bei dem Gedanken in etwa drei Monaten zurück nach Deutschland zu reisen, kamen mir gestern das erste Mal die Tränen. Die Stabilität und das Leben gefällt mir hier und ich habe mich daran gewöhnt – an die Wärme, das Meer und den Rhythmus. Dazu kommt die Ungewissheit, was danach passiert. Wie schnell finde ich ein neues Ziel und eine neue Aufgabe? Wie entscheide ich mich, wie es weitergeht?

An den ersten Tagen während meines Aufenthaltes in Italien hatte ich furchtbar Heimweh und auch da blieben meine Augen nicht immer trocken.

Als ich beim letzten Segeltörn das erste Mal bei 2,5 bis 3 Meter hohen Wellen am Ruder eingesprungen bin, damit mein Skipper unseren Fisch an der Angel einholen konnte, hatte ich Angst und danach spürte ich das Adrenalin in meinen Adern und meine Hände zitterten.

Ich könnte diese Aufzählung vermutlich eine Weile fortsetzen. Ich möchte damit ausdrücken, dass ich sehr oft Angst habe. Ich fühle mich überhaupt nicht mutig. Die Angst zu überwinden kostet viel Kraft. Warum lasse ich es dann nicht einfach? Warum bekämpfe ich die Angst? Weil ich bisher immer belohnt wurde, wenn ich mich meiner Angst gestellt habe. Danach habe ich das Gefühl etwas vollbracht zu haben.

Denn ich hatte einen wunderschönen einzigartigen Urlaub in Island, verbringe eine fantastische Zeit hier und beim Segeln bekomme ich immer mehr Routine und Sicherheit. Was gibt es schöneres als den Wind im Gesicht zu spüren? Ich kann jetzt wieder angstfrei tauchen gehen und die Stille unter Wasser in vollen Zügen genießen. In Italien habe ich so viel im Umgang mit Pferden gelernt und werde die Zeit niemals vergessen.

Jetzt versuche ich darauf zu vertrauen, dass sich auch nach meiner Rückreise nach Deutschland alles fügen wird. Mittlerweile kann ich mich auf meine Fähigkeit verlassen eine Lösung zu finden und mit Problemen umzugehen.

4 Gedanken zu “Mut

  1. wie immer sehr schön und immer wieder andere zentrale Themen. Ein bisschen lernen wir dich ja auch besser kennen, auch wenn du unsere Tochter bist. In alle deine gedanklichen Geheimnisse hasst du uns eben auch nicht eingeweiht. Und oft hasst du es ja auch selbst nicht gewusst.

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  2. Vielleicht ist es einfach ein anderes Wort… die Menschen sagen, du bist mutig. Ich habe es auch gesagt. Vielleicht steckt was ganz anderes dahinter. Sich trauen, sich etwas zutrauen, trotz der Angst. Über den eigenen Schatten springen. Über sich hinauswachsen. Ausprobieren. Sich selbst erfüllen. Und das Gefühl genießen, es getan zu haben… glücklich sein!💖😘❤

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